Heimvolkshochschule Hermannsburg

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Sinnsuche in der Heide

Was kommt nach der Schule? Welcher Beruf ist der richtige? Bei der Suche nach Antworten hilft ein ungewöhnlicher Kurs in der Lüneburger Heide

 

Von Jan Friedmann

 

Die erste Richtungsentscheidung stellt sich schon um 8.15 Uhr: Andacht oder Ausschlafen heißt die Alternative. An diesem Januarmorgen wählen alle 17 Teilnehmer des Winterkurses „Moving Times“ die bequeme Variante. Die Mitarbeiter der Heimvolkshochschule Hermannsburg bleiben mit den älteren Gottesdienstbesuchern in der Hauskapelle allein. „Die Teilnahme an der Morgenandacht ist absolut freiwillig“, betont Imke-Marie Badur, Kulturpädagogin und Koordinatorin des Winterkurses. „Unser Kurs findet zwar in einem evangelisch-lutherischen Haus statt, aber es geht nicht darum, den Teilnehmenden unsere Weltanschauung aufzudrücken. Wir machen ein Angebot, aber letztlich muss jeder seine eigenen Antworten auf Sinnfragen finden.“

 

Hermannsburg, Landkreis Celle in der südlichen Lüneburger Heide, 8500 Einwohner, bekannt für seine lutherische Mission: Hier kommen jedes Jahr zwischen November und März ein bis zwei Dutzend junge Erwachsene zusammen, um sich, angeleitet von einer Hand voll Pädagogen, in einem fünf Monate dauernden Ganztageskurs Gedanken über das eigene Leben zu machen. Und um herauszufinden, welchen Berufsweg sie einschlagen wollen. Auf dem Kursplan stehen Bewerbungstraining und Singen, Theater und Textverarbeitung, Kunstprojekte und Kommunikation.

 

Das Angebot der Heimvolkshochschule Hermannsburg, einer staatlich anerkannten Weiterbildungseinrichtung für Erwachsene, richtet sich an Menschen zwischen 18 und 25. Sie sollen für die bewegte Zeit zwischen Schulabschluss und Berufseinstieg eine allgemeine Orientierungshilfe erhalten, weniger eine konkrete Job-Beratung. Das Persönlichkeitsbildungs-Seminar kostet 1600 Euro, 100 Euro pro Kurswoche einschließlich Unterbringung und Vollverpflegung; der Kurs ist der einzige dieser Länge und Intensität in Deutschland. „Wir üben Schlüsselqualifikationen wie Toleranz, Selbstvertrauen und Konfliktfähigkeit“, sagt die Kursleiterin Badur.

 

Moving Times ist allerdings nicht aus dem Postulat von Personalchefs nach Soft Skills heraus entstanden: Der Kurs hat eine über 80-jährige Tradition. 1919 unterrichteten Mitarbeiter der Heimvolkshochschule zum ersten Mal junge Frauen und Männer vom Land in Großgruppen, damals noch getrennt nach Geschlechtern. Das reformpädagogische Konzept der Heimvolkshochschulen stammt ursprünglich aus Dänemark. Ihr Erfinder, der evangelische Pastor Grundtvig, hatte sich im 19. Jahrhundert das Ziel gesetzt, die Bildung der Landbevölkerung zu verbessern und ihnen den christlichen Glauben näher zu bringen.

 

Singen und Theaterspielen gehören zum Programm

 

Seit den Anfängen hat sich die Zielgruppe erheblich gewandelt. Nicht mehr die Bauern und Bäuerinnen aus der Umgebung widmen einen Winter der Heimvolkshochschule, sondern junge Erwachsene aus ganz Deutschland und dem Ausland, aus Russland, Lettland oder Südafrika, mit Abitur, mit Berufsausbildung oder ohne Schulabschluss, die meisten von ihnen aus christlich geprägten Elternhäusern. Fast alle haben durch Mundpropaganda von dem Angebot erfahren, die ausländischen Teilnehmer durch Empfehlungen ihrer Heimatkirchen. Fünf Monate lang wohnen die Winterkursler in Einzelzimmern Tür an Tür auf einem Flur, mit Blick auf die Wiesen vor den roten Backsteingebäuden der Heimvolkshochschule. Die Zimmer sind zweckmäßig eingerichtet, Holztisch, Holzbett, Holzschrank, an den Türen hängen selbst gebastelte Namenschilder. Jeder räumt sein Zimmer selbst auf. Der Tagesablauf ist klar geregelt: Um viertel vor acht gibt es Frühstück, um zehn Obst, im viertel vor eins Mittagessen, um sechs Abendbrot. Im Gemeinschaftsraum steht ein Kasten Bier auf dem Fußboden.

 

„Zuerst kam ich mir vor wie bei Big Brother, nur ohne Kamera“, sagt Miriam Haake, 18. „Man wird bunt zusammengewürfelt und muss dann irgendwie miteinander klarkommen.“ Wenn sie etwas Ernstes zu erzählen habe, suche sie sich schon ihre Vertrauten aus, sagt Miriam, aber das Gruppengefühl will sie auf keinen Fall missen. „Ich finde das toll, 17 junge Leute unter einem Dach“, sagt ihre Freundin Franziska Gauer, 20. Sie habe gerade eine Ausbildung zur Arzthelferin abgeschlossen, sei aber nicht übernommen worden und wolle jetzt erst einmal was für sich selbst tun. Die 19-jährige Südafrikanerin Michelle Erasmus möchte vielleicht Sprachtherapeutin werden. Im Moment kämpft sie aber noch mit der deutschen Sprache und will das Land kennen lernen, aus dem ihr Urgroßvater einst als Missionar nach Südafrika kam.

 

Conny Kaufmann, 19, aus Aue im Erzgebirge hat sich nach dem Abitur für einen Studienplatz in Psychologie beworben, aber keinen bekommen. Jetzt überlegt sie, Religions- und Sozialpädagogik zu studieren. Viele Absolventen des Kurses engagierten sich später im sozialen und pädagogischen Bereich, berichtet Badur. Manchmal beeinflusse das Umfeld des Kurses auch den Berufswunsch.

 

Darüber, was sie sich für die Zukunft erhoffen und sich vorgenommen haben, sprechen die Kursteilnehmer mit der pädagogischen Leiterin in Einzelgesprächen. „Das können ganz unterschiedliche Dinge sein“, sagt Badur. „Jemand will sicherer vor einer Gruppe sprechen. Oder fasst den Vorsatz, besser mit den Eltern auszukommen. Oder wünscht sich, ein belastendes Ereignis aus der Vergangenheit zu verarbeiten.“ Schon die Bewerbung sei Teil des Entwicklungsprozesses: In einem Motivationsschreiben sollen die zukünftigen Teilnehmer darlegen, warum sie am Winterkurs Moving Times teilnehmen möchten.

 

Die Fähigkeit, sicher zu argumentieren, wird auch im Kurs selbst geprobt: In der Übungseinheit „Bewerbungstraining“ sieht sich Nele Jäger, 19, einer vierköpfigen „Auswahlkommission“ gegenüber. Das Gespräch fängt harmlos an. „Warum interessieren Sie sich für diese Stelle?“, sagt der Personalchef, der in Wirklichkeit ein Mitschüler ist. Dann die fiese Frage nach der Lücke im Lebenslauf: „Was haben Sie in diesen Monaten gemacht?“ Nele kommt nicht ins Stottern, die Mitschüler applaudieren. Hinterher schauen sich Kommission und Bewerberin gemeinsam das von einer Videokamera aufgezeichnete Rollenspiel an und werten ihr Verhalten aus.

 

Der Ernstfall steht dann am nächsten Tag auf dem Programm: „Krieg und Frieden“ heißt das Seminar, zu dem die Winterkursler mit Senioren zusammenkommen, die das Programm vor 50 Jahren absolvierten. Es geht um grundlegende Fragen: Darf man Krieg mit militärischer Gewalt beenden? Wie lässt sich Frieden dauerhaft bewahren? Der Referent, Militärpfarrer Jürgen Stahlhut, erzählt von seiner Zeit mit deutschen Soldaten der internationalen Friedenstruppe im bosnischen Mostar. Dann berichtet er über die Alltagssorgen von Rekruten in Deutschland, über Soldaten, die den Befehlston nicht aushalten und nach dem Wochenende nicht in die Kaserne zurückwollen. Die Kursteilnehmer hören gebannt zu.

 

Die Ehemaligen erzählen von ihren eigenen Kriegserfahrungen, vom Russland-Feldzug, von Partisanen und abgefrorenen Füßen. Unter den Altschülern entfaltet sich eine theologische Diskussion. „Wenn alle Menschen Atheisten wären, würde es keine Kriege geben“, sagt einer. Wenn alle Menschen ihren Frieden mit Gott machen würden, würde es auch keine Kriege geben, erwidert ein anderer. „Haben die jungen Leute von heute noch Fragen an die jungen Leute von damals?“, fragt der Moderator, Pastor Walter Scheller. Vorerst keine weiteren Fragen. Um 12.45 Uhr gibt es Mittagessen.

 

(c) DIE ZEIT 12.02.2004 Nr.8
www.zeit.de/2004/08/hvhs

 
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